„Der Boom hält an, aber es sind schon Wolken zu sehen“
(Erschienen am 14.01.2018, Frank Stocker)




Man sollte gehen, wenn es am schönsten ist – so klug dieses Motto ist, so selten wird es befolgt, sei es auf einer Party, in der Politik oder auch an der Börse. Gerade dort ist es derzeit besonders schön, die Kurse steigen seit Jahren, befeuert von wachsenden Unternehmensgewinnen und einer boomenden Wirtschaft. Doch kann das noch lange so weitergehen? Oder sollte man jetzt gehen?

Der WELT-Index gibt darauf noch keine klare Antwort. Das Barometer wird monatlich vom Vermögensverwalter Markus Zschaber für die WELT AM SONNTAG ermittelt, basierend auf den wichtigsten globalen und nationalen Wirtschaftsdaten. Dessen beide Komponenten, der Index der Konjunkturdaten und der Index der Markterwartungen, haben sich zuletzt auf hohem Niveau stabilisiert. Dies bedeute, dass der Höhepunkt des aktuellen globalen Konjunkturzyklus in diesem Jahr erreicht werden sollte, sagt Zschaber. Sprich: Vielleicht verstärkt sich der wirtschaftliche Boom in den kommenden Monaten noch ein klein wenig. Dann ist es aber auch erst einmal vorbei. „Anleger sollten sich auf verschiedene Risiken vorbereiten, die womöglich auf sie zukommen werden“, warnt Zschaber.

Da sind zum einen die anstehenden Wahlen in Italien. Am 4. März soll dort ein neues Parlament gewählt werden, und vor allem ein Ergebnis zugunsten antieuropäischer Parteien wäre eine Gefahr. „Dann könnte die europäische Schuldentragfähigkeit wieder auf die Agenda der Märkte rücken oder sogar die Nachhaltigkeit des Euro erneut hinterfragt werden“, sagt Zschaber.

Das zweite Risiko sieht er – was zunächst erstaunen mag – in den Steuersenkungen in den USA, die auch mit verstärkten Staatsausgaben verbunden sein sollen. Das Problematische daran: Diese stimulierenden Maßnahmen kommen ausgerechnet zu einer Zeit, da die Wirtschaft ohnehin schon auf vollen Touren läuft. Das könne daher zu einer Überhitzung führen. Konkret würde dies beispielsweise bedeuten, dass Kapital nicht mehr produktiv eingesetzt wird, es kommt zu Fehlinvestitionen, die sich langfristig rächen. Zudem droht eine kräftig steigende Inflation.

Und dabei kommt dann das dritte Risiko ins Spiel: die Notenbanken. Denn schneller steigende Preise könnten diese zu einer unerwartet starken Reaktion zwingen. „Sollte die globale Liquidität zu radikal zurückgeführt werden, sind hohe Verwerfungen zu erwarten“, glaubt Zschaber. Dies gelte umso mehr, da sich die Investoren zu stark auf die Notenbanken verlassen. „Sie extrapolieren die letzten vier bis sechs Jahre auf die Zukunft, sprich es wird erwartet, dass die Notenbanken ihre Funktion als Versicherung gegen jegliches Unheil beibehalten und eine grundsätzlich expansive Politik betreiben.“ Doch das sei ein Irrtum, zumal die US-Notenbank ohnehin schon erste Schritte in die andere Richtung unternommen hat. „Die Märkte werden sich daran gewöhnen müssen, dass künftig weniger Kapital zur Verfügung stehen wird.“

Diese Risiken könnten in diesem Jahr zu stärkeren Schwankungen an den Aktienmärkten führen, sagt Zschaber. Dennoch hat er aber zuletzt den Aktienanteil im Musterportfolio, das auf den Erkenntnissen aus dem WELT-Index aufbaut, nicht reduziert. Dafür sei es noch zu früh, denn nach wie vor überwögen die Chancen. Allerdings ist er vorsichtiger geworden und hat innerhalb der Aktienquote eine Umverteilung vorgenommen. So wurden vor allem Aktien von Firmen mit defensiven Geschäftsmodellen neu aufgenommen oder zugekauft. Der Anteil von Schwellenländeraktien am Depot wurde derweil von fünf auf drei Prozent reduziert.