„Aktionäre sollten die Katar-Krise im Auge behalten“
(Erschienen am 16.07.2017, Daniel Eckert)



Der sogenannte Schwarze Schwan wird an der Börse sehr gefürchtet: Er kann über Nacht die komplette Weltwirtschaft umstürzen. Muss er aber nicht. Er kann ebenso ein sehr unwahrscheinliches positives Ereignis verkörpern. Das erleben wir gerade jetzt. In diesem Jahr passiert rund um den Globus etwas, worauf nicht einmal Optimisten gewettet hätten: Die Industrie findet zu ihrer alten Stärke zurück. Für die Geldanlage eröffnet dies ganz neue Chancen. Das verarbeitende Gewerbe wächst so stark wie lange nicht mehr und füllt die Kasse vieler Firmen. Damit bekommt die lange allzu sehr von Dienstleistungen getriebene Weltkonjunktur einen zusätzlichen Motor.

„Endlich zeigt sich eine höhere Traktion in der Weltindustrieproduktion. Wir sehen eine Belebung in allen relevanten Volkswirtschaften“, jubelt Markus Zschaber, Chef der gleichnamigen Vermögensverwaltung in Köln. Der Portfoliomanager errechnet exklusiv für die WELT AM SONNTAG den WELT-Index und pflegt ein Musterportfolio, das sich Anleger zum Beispiel nehmen können. „Besonders stark ist die Dynamik in Deutschland, Spanien, Frankreich und den USA“, sagt er. Dass die Weltwirtschaft auf Kurs bleibt, bestätigt auch Zschabers Index der Konjunkturdaten, der auf 72 Prozent geklettert ist. Die Erwartungen seien auch deshalb gestiegen, weil sich viele politischen Gefahren, etwa rund um die Wahlen in Frankreich, in Luft aufgelöst hätten.

Zeitgleich hat die Risikobereitschaft der Anleger zugenommen. Sie trauten sich, mehr zu investieren. Das feuert die Konjunktur an. Im Großen und Ganzen sieht der Vermögensprofi keine Übertreibung an den Börsen, die Kursanstiege seien meist durch die positive Entwicklung der Unternehmen und ihres Umfelds untermauert. Nur eine Einschränkung macht Zschaber: „Hier und da werden bereits zu hohe Erwartungen an die künftigen Gewinnentwicklungen der Unternehmen gestellt.“ Der Index der Markterwartungen gibt aus seiner Sicht bei einem Stand von 52 Prozent (minus zwei Punkte zum Vormonat) keinen Anlass zur Sorge.

Zwei Risiken müssen Anleger, die an der Börse engagiert sind, im Auge behalten. Das eine sind Politikfehler der Notenbanken, das andere heißt Katar. Eine große Frage ist, wie lange genau der aktuelle Konjunkturaufschwung noch hält und wie abrupt er endet. „Zu schnell ansteigende Zinsen können das positive Momentum abwürgen“, warnt Zschaber. Die Notenbanken haben signalisiert, dass sie die Billiggeldpolitik auslaufen lassen wollen. Doch wie schnell und geschickt der Paradigmenwechsel stattfindet, ist ungewiss.

Ein Risikofaktor wird Zschaber zufolge unterschätzt: die Katar-Krise. Nach Auffassung des Kölner Portfoliomanagers ist dieser Konflikt im Nahen Osten explosiver als weithin wahrgenommen. „Wenn wir von der Region reden, sprechen wir über den bedeutendsten Energiestandort der Welt.“ Die regionalen Konfliktparteien stünden für fast ein Viertel der globalen Ölreserven. Das kleine Katar sei einer der größten Gasproduzenten der Welt. „Sollte die Lage hier eskalieren, halte ich Förderkürzungen im Energiesektor für wahrscheinlich, was schwerwiegende Folgen hätte“, fasst Zschaber zusammen.

Allerdings halten ihn die drohenden Stolperfallen für die Weltwirtschaft nicht davon ab, weiter zu investieren. Die starke Konjunktur sollte das Umsatz- und Gewinnwachstum der Firmen stützen und damit für positive Überraschungen in vielen Sektoren sorgen. Die Aktienquote im Musterportfolio hat der Stratege leicht erhöht, auf jetzt 69 Prozent. Aktuell hält er nur 15 Prozent seines Vermögens in Cash. Der Rest des Geldes ist investiert.